Im Norden Norwegens ist mit dem Nussir-Projekt eine Kupfermine geplant, eines von mehreren Vorhaben im Namen der Energiewende. Für die Indigenen Sámi geht es dabei um weit mehr als Rohstoffe. Die Aktivistin Ella Marie Hætta Isaksen erklärt, warum der Konflikt über die Region hinausreicht und auch Europa betrifft.
Ella, wer bist du und was bedeutet es für dich, Sámi zu sein?
Ich komme aus dem Norden Norwegens, aus den Sámi-Gebieten. Ich bin Sängerin, Schauspielerin und engagiere mich für Umwelt- und Klimafragen. Alles, was ich tue, hat damit zu tun, die Sámi- Sprache und Kultur zu stärken. Ich sehe es als meine Aufgabe, dafür einzustehen, dass unser Wissen respektiert wird und unsere Geschichten gehört werden, weil so oft über unser Land entschieden wird, ohne dass wir wirklich mitreden können. Ich bin Sámi im Herzen. Das gibt meinem Leben Sinn.
Wann hast du begonnen, dich zu engagieren?
Ich habe sehr früh damit begonnen, ohne es so zu nennen. In meiner Kultur spielt Respekt gegenüber der Natur eine zentrale Rolle, was mir meine Mutter vermittelt hat. Mit 16 wurde ich dann aktiv, trat der norwegischen Umweltjugendbewegung Natur og Ungdom bei und ging auf die Strasse. Dabei erkannte ich, dass meine Werte Teil eines grösseren Zusammenhangs sind.
Kritiker:innen sprechen von «grünem Kolonialismus». Was ist damit gemeint?
Am Ende geht es immer um dasselbe: unser Land. Es wird genutzt, ohne dass wir wirklich mitentscheiden können, auch wenn sich die Begründungen verändern. Ein Beispiel ist das Minenprojekt Nussir im Norden Norwegens: eine geplante Kupfermine, die für Europa als «strategisch wichtig» gilt. Über solche Orte entscheiden Menschen, die den Fjord nicht kennen und nicht verstehen, was dieses Land für uns bedeutet. Unsere Gemeinschaften erleben solche Eingriffe seit Generationen.
Viele solcher Projekte werden mit Klimaschutz begründet. Wo liegt für dich der zentrale Widerspruch?
Der zentrale Widerspruch ist, dass Klimaschutz oft auf Kosten Indigener Gemeinschaften umgesetzt wird, statt gemeinsam mit ihnen. Sie schützen seit Generationen Natur und Biodiversität. Wenn sie von ihrem Land verdrängt werden, wird genau das geschwächt, was eigentlich erhalten werden soll. Dabei tragen sie am wenigsten zur Klimakrise bei. Eine gerechte Klimapolitik muss ihre Perspektiven einbeziehen.
Für viele Menschen in der Schweiz wirkt das weit weg. Warum betrifft es uns trotzdem?
Um das am Beispiel von Nussir zu erklären: Politische Entscheidungen werden in Brüssel getroffen. An diesem Projekt sind internationale Investoren beteiligt, darunter Hartree, ein amerikanisches Unternehmen mit Sitz in Genf. Das heisst: Auch in der Schweiz wird indirekt mitentschieden, was mit unserem Land passiert. Die Sámi sind die einzige anerkannte Indigene Bevölkerung Europas – wie mit unseren Rechten umgegangen wird, ist deshalb auch eine europäische Verantwortung. Deshalb brauchen wir Verbündete genau dort, wo diese Entscheidungen fallen. Ohne sie ist es für uns sehr schwer, gehört zu werden.
Was hat sich im Widerstand in den letzten Jahren verändert?
Wir sind eine Generation mit viel Stolz und mit dem Mut, diesen auch zu zeigen. Mit diesem Selbstbewusstsein kommt auch die Bereitschaft, laut zu werden und unsere Rechte einzufordern. Wir bauen auf dem auf, wofür frühere Generationen gekämpft haben, aber wir sprechen heute klarer, sichtbarer und stärker vernetzt. Und wir wissen: Wir können das nicht allein. Solidarität bedeutet manchmal, für Kämpfe einzustehen, in die man nicht hineingeboren wurde.
Interview: Melisa Okçuoglu, Praktikantin Kommunikation / Erschienen im Voices-Magazin, Juni 2026
Foto: Kajsa Molly Marklund Fjellström