Der deutsche Journalist Niklas Franzen beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Brasilien. Er hat ein Buch über Ex-Präsident Bolsonaro veröffentlicht und berichtet regelmässig aus dem Land, unter anderem über die Situation Indigener Gemeinschaften im Amazonas. Für Voices recherchierte er jüngst zur MRN-Bauxitmine am Trombetas-Fluss. Wir haben mit ihm über seine Motivation, die Herausforderungen seiner Arbeit und die Zukunft Brasiliens gesprochen.
Woher kommt deine Faszination und Beschäftigung mit Brasilien?
Das begann mit einer persönlichen Verbindung. 2009 habe ich einen brasilianischen Freund besucht, den ich während meines Zivildiensts in Nordirland kennengelernt hatte. Ich habe mich sofort ins Land verliebt, später dort studiert und gearbeitet. Seitdem kehre ich immer wieder zurück. Unterdessen verbringen wir die Wintermonate in Rio de Janeiro.
Was motiviert dich, aus dem Amazonas zu berichten?
Amazonien ist ein faszinierender, aber auch komplexer Lebensraum. Viele Menschen haben nur stereotype Bilder im Kopf. Doch die Realität ist vielschichtiger: ein riesiger, diverser Raum mit einer langen Geschichte und unterschiedlichen Lebensformen. Mir ist wichtig, differenziert zu berichten, auch weil die Region eng mit Europa verbunden ist durch den Klimawandel, aber auch durch die Aktivitäten internationaler Konzerne. Dass ich fliessend Portugiesisch spreche, ermöglicht mir, Stimmen aus der Region authentisch wiederzugeben.
Du hast nahe der MRN-Mine Flussgemeinschaften besucht. Was war die grösste Herausforderung auf dieser Reise?
Ganz klar die fehlende Kooperation des Unternehmens. Anfangs wurde mir zugesichert, die Mine besuchen zu können. Kurz darauf kam die Absage. Auch auf meinen detaillierten Fragenkatalog erhielt ich nur ein allgemeines Positionspapier, das auf keinen der Vorwürfe einging. Besonders irritierend ist, dass MRN nach aussen ein Bild von Umweltverantwortung pflegt, gleichzeitig aber in so einem Fall Transparenz verweigert. Für mich war das ein Eingriff in die Pressefreiheit und ein Verhalten, das ich in dieser Form noch nicht erlebt habe.
Welcher Moment dieser Reise hat dich am meisten bewegt?
Am stärksten beeindruckt hat mich die Verbundenheit der Flussanwohner:innen mit ihrer Umwelt. Ich habe in ihren Häusern gelebt, an Gottesdiensten teilgenommen, mit ihnen gegessen und ihren Alltag miterlebt. Gleichzeitig spürt man die tiefe Angst vor einem möglichen Dammbruch. Nach den Katastrophen in Mariana und Brumadinho ist die Sorge vor einer Wiederholung allgegenwärtig. Diese Mischung aus starker Naturverbundenheit und existenzieller Bedrohung hat mich sehr bewegt.
In Brasilien passiert viel Gegensätzliches. Wie siehst du die Zukunft für Indigene Gemeinschaften?
Die Verurteilung Bolsonaros ist ein wichtiges Signal: Sie zeigt, dass demokratische Institutionen autoritären Projekten Grenzen setzen können. Gleichzeitig droht der Verlust Indigener Rechte. Indigene und traditionelle Gemeinschaften haben in der Geschichte enorme Widerstandskraft bewiesen trotz Kolonialismus, Gewalt und Verfolgung. Heute stehen sie erneut unter Druck, nicht nur durch politische Angriffe im Land, sondern auch durch die globale Nachfrage nach Soja, Gold oder Bauxit. Ihre entscheidet sich deshalb nicht nur in Brasilien, sondern auch im globalen Norden.
Was können Menschen in der Schweiz tun?
Zuerst einmal hinschauen und verstehen, was in Brasilien passiert. Es geht nicht nur um individuelles Konsumverhalten, sondern auch darum, die grossen Player in Wirtschaft und Politik kritisch zu hinterfragen. Die Schweiz ist beispielsweise ein wichtiges Transitland für Gold, mit allen Folgen für Umwelt und Menschenrechte in den Herkunftsregionen. Und auch die sogenannte «grüne Energiewende» muss kritisch betrachtet werden: Sie darf nicht auf Kosten Indigener Gemeinschaften geschehen. Nur wenn wir diese Zusammenhänge sehen, können wir Verantwortung übernehmen.
Interview: Melisa Okçuoglu und Dominique Schärer, Kommunikation
Foto: zVg