Tsering Tsomo lebt in Australien und arbeitet als Research Director für das Tibetische Zentrum für Menschenrechte und
Demokratie in Indien. Sie forscht zum Thema Transnationale Repression und war auf Einladung der GfbV in der Schweiz.
Hier nahm sie an einem Workshop und Podiumsgespräch zum Phänomen der Transnationalen Repression teil.
Frau Tsering Tsomo, wer sind Sie und was tun Sie?
Ich wurde in Indien als Kind tibetischer Geflüchteter geboren. Meine Eltern sind in den 1960er Jahren aus Tibet geflohen. Ich arbeite seit 12 Jahren für das Tibetische Zentrum für Menschenrechte und Demokratie. Tatsächlich habe ich mich einen Grossteil meines Lebens in der tibetischen Exilgemeinde in Indien engagiert: Als Forscherin, Journalistin und Menschenrechtsaktivistin.
Was war für Sie persönlich der ausschlaggebende Grund, sich
der politischen Arbeit zu widmen?
Oh, daran erinnere ich mich noch sehr gut. Im Jahre 2008 fand in Tibet ein grosser Aufstand statt. Die Tibeter:innen rebellierten gegen die chinesische Besatzungsmacht. Ich studierte zu dieser Zeit Journalismus in New York und las viele Medienberichte über die Menschenrechtsverletzungen in Tibet und darüber, wie die Proteste von den chinesischen Behörden brutal unterdrückt wurden. Da habe ich beschlossen, dass meine Berufung ist, zu meiner Gemeinschaft in Indien zurückzukehren und mich für die Sache einzusetzen.
Sie sind für einen Workshop und ein Podiumsgespräch zum
Thema Transnationale Repression in der Schweiz. Welche
Erfahrungen haben Sie mit transnationaler Repression gemacht?
Nun, ich habe keinen direkten Kontakt zu meinen Verwandten in Tibet, das hatte ich noch nie. Und meine Eltern haben immer noch Probleme, mit ihren Verwandten in ihrer Heimat in Kontakt zu treten. Was mich persönlich betrifft: Als Menschenrechtsaktivistin habe ich digitale Transnationale Repression erlebt. Verdächtige Emails, Spyware und Malware. Ich lebe und arbeite im Bewusstsein, dass ich ständig in irgendeiner Form überwacht werde. Obwohl ich versuche, bei meiner Online- Kommunikation sehr vorsichtig zu sein, werde ich mich digital nie sicher fühlen.
Sie haben zu Transnationaler Repression geforscht. Was sind die
Schwierigkeiten, diesem Phänomen empirisch nachzugehen?
Wenn man Aussagen von Menschen sammelt, die Transnationale Repression erlebt haben, muss man ihr Vertrauen gewinnen
und eine Beziehung aufbauen. Sie teilen ihre Erfahrungen, und das kann Konsequenzen für ihre Familien in der Heimat nach sich ziehen. Man muss also sehr vorsichtig mit den Quellen umgehen. Aus Quellenschutzgründen können viele Erfahrungsberichte gar nicht oder nur stark anonymisiert veröffentlicht werden, was eine Forschung zum Thema erschwert. Ich habe auch schon erlebt, dass Menschen, die ich befragt habe, ihre Aussage zurückgezogen haben. Das zeigt, wie gross die Angst in den Gemeinschaften vor der chinesischen Repression ist.
Was schlagen Sie vor als staatliche Massnahmen gegen Transnationale Repression?
In Australien, wo ich momentan lebe, gibt es gute Unterstützung für die Betroffenen von Transnationaler Repression. Es
gibt Community-Outreach-Programme, bei denen Strafverfolgungsbehörden und Beamte in die Gemeinden gehen und Kontakt zu den Opfern Transnationaler Repression aufnehmen. In Schweden werden die Täter:innen vorbildlich strafrechtlich verfolgt. Diese Verfahren könnten auch in der Schweiz übernommen werden.
Fordern Sie zusätzliche Massnahmen?
Alle Akteur:innen, die in irgendeiner Weise mit Transnationaler Repression zu tun haben, sollten eine Einladung erhalten, sich im Parlament zu äussern. Nach der parlamentarischen Untersuchung müssen Folgemassnahmen ergriffen werden: Zum Beispiel die Überarbeitung oder Neueinführung von Gesetzen. Zudem muss innerhalb der staatlichen Behörden ein Bewusstsein für Transnationale Repression geschaffen werden: Wann immer Behörden Beschwerden von Opfern Transnationaler Repression erhalten, müssen Sie klare Richtlinien haben, wie sie zum Schutz dieser Menschen beitragen können.
Frau Tsomo, was sind ihre persönlichen Hoffnungen und Ziele
für die Zukunft der tibetischen und uigurischen Gemeinschaften, sowohl in Tibet und Ostturkestan als auch im Exil?
Ich setze grosse Hoffnungen in meine Gemeinschaft, in ihre Widerstandsfähigkeit. In die Tatsache, dass wir so viele Jahre in der Unterdrückung gelebt haben und trotzdem eine tibetische Nation im Exil aufgebaut haben. Wir sprechen noch immer unsere Sprache und pflegen unsere Kultur und Traditionen. Das ist eine enorme Leistung. Diese Bewegung wird nicht sterben, da bin ich mir sicher!
Interview: Samuele Bortot, Praktikant Kommunikation
Foto: Samuele Bortot, Voices