Arya Amipa (31) ist Jurist, Aktivist und Co-Präsident des Vereins Tibeter Jugend in Europa (VTJE). Im Gespräch ordnet er die Zusammenarbeit mit Voices aus Sicht des Vereins ein und spricht über Ohnmacht, Hoffnung und den Schutz vor Transnationaler Repression.
Arya, was ist der Ausgangspunkt deines politischen Engagements?
Dass Tibet für mich kein fernes politisches Thema ist, sondern Teil meiner eigenen Geschichte. Diese Nähe macht es unmöglich, neutral zu bleiben. Mein Engagement ist aus dem Bedürfnis entstanden, nicht einfach mit Ohnmacht zu leben, sondern ihr etwas entgegenzusetzen.
Was bedeutet es dir, heute als Co-Präsident Verantwortung im VTJE zu übernehmen?
Für mich ist das ein Geschenk. Viele Menschen aus der tibetischen Community wachsen mit dem Gefühl auf, wenig Einfluss auf die Situation in ihrer Heimat zu haben. Verantwortung zu übernehmen heisst für mich, handlungsfähig zu sein. Ich kann etwas tun, statt nur zuzuschauen. Das macht einen grossen Unterschied.
Als Aktivist gehst du auch Sicherheitsrisiken ein. Was gibt dir Kraft?
Hoffnung. Wenn man auf andere Freiheitsbewegungen schaut, sieht man: Repressive Regime können sehr lange stabil wirken und dann plötzlich zerfallen Ich denke dabei oft an den Fall der Berliner Mauer 1989. Noch im Jahr davor hätte sich kaum jemand vorstellen können, dass dieses System zusammenbricht. Solche Momente zeigen mir: Veränderung ist möglich. Hoffnung gibt die Kraft, über lange Zeit weiterzukämpfen.
Warum sind die gemeinsamen Workshops zu Transnationaler Repression wichtig?
Der Begriff «Transnationale Repression» ist abstrakt. Wenn man nicht betroffen ist, weiss man nicht, was damit konkret gemeint ist. Für viele aus unserer Community ist die chinesische Überwachung jedoch Alltag geworden: Jugendliche aus unserem Verein fragen sich etwa, ob sie an Demonstrationen teilnehmen können, weil sie später noch nach Tibet reisen möchten oder Angst haben, ihre Familien zu gefährden. Workshops helfen, solche Erfahrungen sichtbar zu machen und einzuordnen. Das ist wichtig für Betroffene und für die Schweiz. Denn all das passiert hier.
Hast du Angst vor der Überwachung durch die Volksrepublik China?
Angst würde ich nicht sagen. Aber ich habe ein klares Bewusstsein dafür, dass ich beobachtet werde so wie alle tibetischen Aktivisten, die sich exponieren. Diese Überwachung zeigt sich bei Demonstrationen oder durch Drohanrufe und Aufforderungen, zur Botschaft zu gehen. Angst wäre für mich einschränkend. Deshalb nehme ich das Risiko bewusst in Kauf.
Wo kann Zusammenarbeit in diesem Kontext konkret Schutz bieten?
Schon allein mental. Das ist ein sehr langer Kampf, der kräftezehrend sein kann. Zu wissen, dass man nicht allein ist, gibt Halt. Dazu kommt der praktische Aspekt: In Workshops lernen Betroffene, Transnationale Repression zu erkennen, Risiken besser einzuschätzen und bewusster mit Sichtbarkeit umzugehen. Zusammenarbeit ermöglicht es, Wissen zu teilen und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Wir bringen die Nähe zur Community ein, Voices politische und mediale Vernetzung das ergänzt sich.
Der VTJE arbeitet seit vielen Jahren mit Voices zusammen. Was macht diese Partnerschaft aus eurer Sicht wichtig?
Definitiv Vertrauen. In unserer Arbeit geht es oft um sehr sensible Themen und Informationen. Bei Voices haben wir das Gefühl, ernst genommen zu werden und unserem Anliegen einen sicheren Raum geben zu können. Ein zentrales Beispiel ist die gemeinsame Petition von 2018, aus der später ein Bundesratsbericht zur Situation tibetischer und uigurischer Gemeinschaften hervorging. Sie zeigt, was möglich wird, wenn Wissen, Ressourcen und Netzwerke zusammenkommen.
Was sollten Menschen in der Schweiz wissen?
Dass Menschenrechte und wirtschaftliche Beziehungen nicht voneinander zu trennen sind. China ist ein zentraler Handelspartner der Schweiz. Gleichzeitig werden Produkte, die wir konsumieren, teilweise unter Zwangsarbeit oder in unterdrückten Regionen hergestellt. Sich zu informieren, kritisch zu bleiben und politische Verantwortung einzufordern, ist deshalb zentral.
Interview: Melisa Okçuoglu, Praktikantin Kommunikation
Foto: VTJE