Comunicadores: Junge Stimmen aus dem Amazonas

Am Tapajós-Fluss im brasilianischen Amazonasgebiet nutzen junge Indigene Comunicadores Kamera, Handy und Social Media, um ihre Lebensrealität sichtbar zu machen. Sie zeigen Alltag, Kultur und politische Forderungen und stärken damit den Kampf um Anerkennung, Selbstbestimmung und den Schutz ihres Territoriums.

GfbV_Voyage fluvial_Tupinamba (8) GfbV_Voyage fluvial_Tupinamba (8)
Rilcelia Akai Mundurukú, porte-parole du collectif de femmes « Mundurukú Daje Kapap Eypi », en train de prendre une photo à Sawré Muybu. Rilcelia Akai Mundurukú, porte-parole du collectif de femmes « Mundurukú Daje Kapap Eypi », en train de prendre une photo à Sawré Muybu.
Impressions de la croisière fluviale vers les villages du Tapajos Impressions de la croisière fluviale vers les villages du Tapajos

Viele Geschichten über Indigene Gemeinschaften entstehen aus der Distanz. Die jungen Tupinambá-Comunicadores wählen einen anderen Weg: Sie zeigen ihr Leben aus der eigenen Perspektive, dokumentieren Veränderungen in ihren Dörfern und machen sichtbar, was ihr Territorium prägt und bedroht. Voices unterstützt sie darin, diese Stimmen zu stärken und über die Region hinaus hörbar zu machen.

Selbst erzählen statt erzählt werden

Auf der Reise von Voices zu den Partnergemeinschaften in Brasilien wurde deutlich: Kommunikation ist hier kein Zusatz. Sie ist Teil des Widerstands. Junge Menschen greifen zu Kamera und Handy, um festzuhalten, was in ihren Dörfern geschieht. Sie zeigen Alltag, Kultur, Feste und politische Versammlungen. Aber sie dokumentieren auch Zerstörung, Bedrohungen und die Forderung nach Schutz des Territoriums. So entstehen Bilder, die nicht von aussen über Indigene Gemeinschaften sprechen, sondern aus ihnen heraus. Die Comunicadores bestimmen selbst, was gezeigt wird, welche Geschichten wichtig sind und welche Perspektiven gehört werden müssen.

João filmt auf einem auf einem Seitenfluss des Tapajós.

João filmt auf einem auf einem Seitenfluss des Tapajós.

Ana, la communicatrice, en route vers les communautés Tupinambá du Tapajós.

Comunicadora Ana auf dem Weg zu den Tupinambá-Gemeinschaften am Tapajós.

Eine neue Generation übernimmt Verantwortung

Zu dieser neuen Generation gehört auch João Vitor da Silva Pedroso. Der 18-jährige Tupinambá filmt Fahrten auf dem Fluss, Gespräche in den Dörfern und Begegnungen mit Vertreter:innen seiner Gemeinschaft. Nach mehreren Kursen in Fotografie, Film, Podcast-Produktion und Social Media koordiniert João heute gemeinsam mit Ana ein Team von jungen Freiwilligen. Sie berichten über Bildung, Gesundheit, Frauenrechte, Menschenrechte und das Leben in den Tupinambá-Dörfern. «Ein Foto ist eine Geschichte. Es war ein wunderbarer Moment, als ich das entdeckte», sagt João.

Neben dem Kernteam sollen weitere junge Tupinambá lernen, ihre Geschichten selbst medial zu erzählen. Dafür ermöglichten Voices und CITUPI im August 2025 einen zweitägigen Einführungskurs in Muratuba. 30 Jugendliche aus verschiedenen Dörfern lernten dort Grundlagen in Fotografie, Video, Podcasts und Social Media. Einer von ihnen ist Enderson Santos. Für ihn stärkt Kommunikation auch den Einsatz für das eigene Territorium: «Der Kommunikationsworkshop ist wichtig, um unser Territorium zu stärken und zu zeigen, was wir erleben und welchen Schwierigkeiten wir in unserem Kampf begegnen.» Weil die Dörfer weit auseinanderliegen und nicht alle Jugendlichen an den Kursen teilnehmen können, möchte Enderson sein Wissen weitergeben und damit auch Jugendliche in anderen Dörfern erreichen.

Das Communicadores Projekt

Unter dem Titel «Stimmen der Tupinambá» startete 2025 ein Projekt zusammen mit CITUPI (Conselho Indígena Tupinambá do Baixo Tapajós), das darauf abzielt, die Indigene Selbstrepräsentation zu stärken. Das Projekt bietet neben Ausbildungskursen, auch ein strategisches Instrument zur Dekolonialisierung der Sicht auf die Lebensweise der Tupinambá. Das Ziel ist es, dass junge Menschen befähigt werden, ihre eigenen Narrative zu gestalten durch authentische, aus dem Territorium heraus produzierte Inhalte und so die verzerrten Bilder der Mehrheitsgesellschaft ersetzen.

 

Une maison familiale dans l'un des villages Tupinambá situés au bord du Tapajós.

Une maison familiale dans l'un des villages Tupinambá situés au bord du Tapajós.

Ausbildung, Ausrüstung und Reichweite

Im Zentrum des Projekts stehen: Ausbildung, Infrastruktur und Sichtbarkeit. Im August 2025 fand in Muratuba ein zweitägiger Basis-Kurs statt, der 30 Jugendliche zwischen 15 und 25 Jahren aus verschiedenen Dörfern in den Grundlagen der Medienproduktion schulte, in Bereichen der Fotografie, Videobearbeitung, Podcasts und Social-Media-Strategien. Zusätzlich erhielten die drei Mitglieder des Kommunikations-Komitees, Ana, Adria und João, einen Vertiefungskurs, der sie unter anderem den Umgang mit Bearbeitungsprogrammen und die Bewerbung von Social Media-Content lehrte.

Die Wirkung zeigt sich unteranderem auf dem Instagram-Kanal des Rates mit mittlerweile 8.500 Follower und insbesondere in der Reichweite einzelner Inhalte. Ein 15-sekündiges Video, das während der COP-Konferenz produziert wurde, um die Präsenz der Tupinambáb am Tapajós sichtbar zu machen, erreichte innerhalb eines Tages 15 Millionen Aufrufe. «Dieses Video (…) sollte zeigen, dass die Menschen hier auf der COP sind und wir gehört werden und mitreden wollen», erklärt Vítor, einer der jungen Comunicadores.

Les deux « Comunicadores » au travail.

Die zwei Comunicadores bei der Arbeit.

Mehr Selbstvertrauen, mehr Verantwortung

In Befragungen berichten die Jugendlichen von einem Anstieg in ihrem Selbst- und politischem Bewusstsein. Vitor beschreibt seine Entwicklung folgendermassen: «Ich war ganz am Anfang meiner Laufbahn etwas schüchtern, denn jedes Mal, wenn ich versuchte, auf jemanden zuzugehen, um ein Interview zu führen, schämte ich mich. (…) Und durch die Kommunikation habe ich auf meinem Weg viele Menschen kennengelernt, die erfahren sind und älter als ich, die aber heute zu mir kommen und sagen: ‚Hey, deine Arbeit trägt Früchte, du machst etwas sehr Gutes.» Darin spiegelt sich ebenfalls die gewachsene Anerkennung innerhalb des Territoriums gegenüber den jungen Comunicadores. Das Komitee selbst ist gewachsen: Von ursprünglich drei aktiven Mitgliedern engagieren sich mittlerweile über zehn Jugendliche regelmässig in der Kommunikation. Wie Ana, eine der Schlüsselfiguren des Projekts, es formuliert: «Wir sind der Schlüssel, der Weg, um diese Kultur zu tragen.» Mit dieser Mission setzen die jungen Tupinambá ihre Kamera nicht nur als Aufnahmegerät, sondern als Waffe im Kampf um Anerkennung und den Schutz ihres Territoriums ein.

Mundurukú: Vorbild für Indigene Kommunikation

Am Tapajós nutzen nicht nur die Tupinambá, sondern auch die Mundurukú audiovisuelle Kommunikation im Einsatz für ihre Rechte. Die Comunicadoras der Mundurukú begann 2019 das Frauenkollektiv «Mundurukú Daje Kapap Eypi»., ihre eigene Geschichte mit Kamera und Film zu erzählen. Sie dokumentierten den Alltag in ihren Dörfern, die Bedrohung durch Holzfäller und Goldgräber sowie den Kampf um die Anerkennung von Sawré Muybu als Indigenes Territorium.– und hielten diesen langen Weg in einem Film fest, der in Brasília gezeigt und mehrfach ausgezeichnet wurde. 2024 erreichte der Anerkennungsprozess eine wichtige Hürde: Das brasilianische Justizministerium unterzeichnete eine entsprechende Verfügung. Das Dekret von Präsident Lula da Silva steht noch aus.

Aldira Akai Mundurukú, ebenfalls Partnerin von Voices, beschreibt die Bedeutung dieser Arbeit so: «Wir zeigen mit unserer Arbeit die Wirklichkeit, denn viele Leute draussen wissen nicht, was hier geschieht.» Mit Foto und Film könnten sie Eingriffe in ihr Gebiet dokumentieren und beweisen. Gleichzeitig setzen sie ein Zeichen gegen die Behauptung, am Mittleren Tapajós gebe es keine Indigenen Gemeinschaften: «Doch, es gibt uns, wir sind hier, und wir kämpfen für unser Territorium.»Für die Tupinambá sind die Mundurukú-Comunicadoras ein wichtiges Vorbild: Sie zeigen, wie Indigene Gemeinschaften ihre Perspektive selbst sichtbar machen können, gegen Abholzung, Landraub und das Vergessen. Mehr dazu im Voices-Magazin 1/25

Das ganze Interview mit Aldira ist hier zu finden: Aldira Akai Mundurukú: Lehrerin, Comunicadora, Aktivistin

Rilcelia Akai Mundurukú, porte-parole du collectif de femmes « Mundurukú Daje Kapap Eypi », en train de prendre une photo à Sawré Muybu.

Rilcelia Akai Mundurukú, porte-parole du collectif de femmes « Mundurukú Daje Kapap Eypi », en train de prendre une photo à Sawré Muybu.

Avec son appareil photo, Rilcelia Akai Mundurukú immortalise également la faune de son territoire.

Mit ihrer Kamera hält Rilcelia Akai Mundurukú auch die Tierwelt ihres Territoriums fest.

Aldira Akai Munduruku : membre du collectif de femmes « Daja Kapak Eyip »

Aldira Akai Munduruku : membre du collectif de femmes « Daja Kapak Eyip »

Impressions d'un village mundurukú : un enfant est assis devant la maison avec un ara et un chien. Photo prise par Rilcelia Akai Mundurukú.

Eindrücke aus einem Mundurukú-Dorf: Ein Kind sitzt mit Ara und Hund vor dem Haus. Fotografiert von Rilcelia Akai Mundurukú.

Was Voices tut

Voices begleitet die Comunicadores langfristig nicht nur mit finanzieller Unterstützung, sondern auch als Partnerin für Ausbildung, Vernetzung und internationale Sichtbarkeit. Gemeinsam mit den Tupinambá und Mundurukú werden Projekte entwickelt, die den Bedürfnissen der Gemeinschaften entsprechen und ihre Selbstvertretung stärken. Die von den Comunicadores produzierten Fotos, Videos und Reportagen erreichen heute Menschen weit über den Tapajós hinaus. Sie schaffen Aufmerksamkeit für die Lebensrealität der Gemeinschaften, machen Menschenrechtsverletzungen sichtbar und bringen Indigene Perspektiven auch in die Schweiz. So unterstützt Voices nicht nur den Schutz des Amazonas, sondern vor allem das Recht der Indigenen Gemeinschaften, ihre eigenen Geschichten zu erzählen und ihre Anliegen selbst in die Öffentlichkeit zu tragen.

Mehr Dörfer mehr Geschichten

Auch 2026 begleitet Voices die Comunicadores weiter. Geplant ist ein weiterer Einführungsworkshop, weil das Interesse in den Dörfern gross ist . Ziel ist es, mittelfristig in jedem Dorf mindestens ein aktive Comunicador zu engagieren. Die erfahreneren Comunicadores darunter Ádria, Ana und João – produzieren zudem Reportagen für die Social-Media-Kanäle von Voices. Mit ihrem Bild- und Videomaterial bringen sie ihre Lebensrealität auch Menschen in der Schweiz näher. Dafür braucht es weiterhin Schulungen, gute Ausrüstung und verlässliche Unterstützung. Denn die Kamera ist für die jungen Tupinambá mehr als Technik. Sie ist ein Werkzeug, um sichtbar zu werden, Wissen weiterzugeben und das eigene Territorium zu verteidigen.

Filmhinweis: «Die Vision der Claudia Andujar»

Der Dokumentarfilm von Heidi Specogna porträtiert die Fotografin und Aktivistin Claudia Andujar und ihren jahrzehntelangen Einsatz für die Yanomami. Der Film zeigt zugleich, wie junge Indigene Aktivist heute mit Fotografie und Film Menschenrechtsarbeit leisten. Dazu gehören auch die Comunicadoras des Frauenkollektivs «Mundurukú Daje Kapap Eypi», die ab etwa Stunde 1 im Film auftreten und von Claudia Andujars Arbeit inspiriert sind.

Weitere Publikationen zum Thema

Mehr zum Thema

Newsletter Anmeldung

Unser Newsletter informiert Sie über aktuelle politische Entwicklungen und das Engagement von Voices sowie unserer Partnerorganisationen.

Vorname *
Nachname *