Fallbeispiel

Norwegen: Geplante Kupferminen bedrohen Sami-Kultur

Besuch Sami Norwegen bei Credit Suisse, Sommer 2019 Besuch Sami Norwegen bei Credit Suisse, Sommer 2019

Seit über einem Jahrzehnt sind im Norden Norwegens zwei Kupferminen geplant. Der Rohstoff ist zentral für Wind- und Solartechnologie und wird seit 2024 durch den EU Critical Raw Materials Act als strategisch gefördert. Doch die Abfälle der Minen wären katastrophal für die lokale Fischpopulation, Fischerei und Renntierzucht. Besonders bedroht wären der Repparfjord, ein geschütztes Lachsgebiet, sowie der Fiettàr-Rentierweidebezirk, indem die Tiere ihre Kälber zur Welt bringen. Letzteres ist die Lebensgrundlage der heimischen Indigenen Sámi. Diese wehrten sich gemeinsam mit Voices teils mit Erfolg: So zog sich die Credit Suisse auf Druck der Sámi zurück. Doch der Kampf geht weiter: Seit Übernahme durch Blue Moon Metals im November und der Einstufung als strategisches EU-Projekt hat das Vorhaben neuen Schub erhalten. Im Sommer 2025 eskalierte der Konflikt erneut, als erste Sprengungen während der Kalbungszeit der Rentiere stattfanden.

Der Repparfjord ist ein kleiner Meeresarm (Fjord) in der nord-norwegischen Finnmark. Mit seinen Lachsbeständen ist er ein geschütztes Gebiet von hoher ökologischer Bedeutung und für die dortige Fischerei unverzichtbar. Im Umland leben ausserdem Sámi-Gemeinschaften. Für sie stellen die Weiden wichtiges Rentierzuchtland dar. Doch unter dem Boden befinden sich Kupfervorkommen, deren Abbau sich die Bergwerksgesellschaft «Nussir ASA» seit 2014 zum Ziel gesetzt hatte bis bis sie 2024 von «Blue Moon Metals» übernommen und mit «Nye Sulitjelma gruver» fusioniert wurde.

Damit ist Blue Moon Metals heute» Teil eines energiepolitischen und ökonomischen Trends. Der weltweite Kupferabbau hat stark zugenommen und gilt als Schlüssel für Energiewende, Digitalisierung und Aufrüstung. Kupfer ist nicht nur ein hocheffizienter elektrischer Leiter, sondern auch unverzichtbarer Bestandteil von Solar- und Windenergieanlagen.Genau deshalb wurde Nussir im Rahmen des EU Critical Raw Materials Act (CRMA) als strategisches Projekt eingestuft. Mit dem CRMA will die EU die Versorgung mit kritischen Rohstoffen sichern, Abhängigkeiten reduzieren und bestimmte Projekte gezielt fördern.

Lebensraum der Sámi ist bedroht

Inzwischen treibt die neue Eigentümerin Blue Moon Metals das Projekt weiter voran. Geplant ist der grossflächige Abbau von Kupfererz an den Orten Nussir und Ulveryggen. Aus Sicht der dort lebenden Sámi-Gemeinschaften und von Voices gefährdet das Projekt die Umwelt und verletzt die Rechte der Sámi, besonders weil freie, vorherige und informierte Konsultationen (FPIC) bislang fehlen.. So sollen der Kupferabbau, der Betrieb der Minen und der Bau der dafür benötigten Infrastruktur auf Sámi-Rentierzuchtland stattfinden. Damit wäre die traditionelle Rentierzucht vor Ort bedroht und entsprechend auch die Lebensgrundlage und Kultur der Indigenen Gemeinschaften. Doch damit nicht genug: Geplant ist auch die Einleitung von Millionen Tonnen Abraum in den Repparfjord. Diese Restmassen enthalten Schwermetalle und Chemikalien und würden direkt in einem geschützten Lachsgebiet verklappt. Fachleute warnen, dass dies die Fischbestände, die Küstenfischerei und das gesamte Ökosystem massiv gefährden würde. Im März 2019 reichten die Umweltorganisation Naturvernforbundet, das Sámi-Parlament und Rentierzüchter:innen Klage gegen die Erteilung der Betriebslizenz für Nussir ASA ein. Dies mit der Begründung, dass die Erteilung der Lizenz die nationalen sowie internationalen Rechte der Indigenen Sámi verletze. Bis heute ist die Klage hängig.

Im Video sprechen Sami-Vertreterinnen und -Vertreter über ihre Sicht der geplanten Kupferminen im Repparfjord.

Credit Suisse unter Druck

In diese Pläne war bis 2020 auch die Schweizer Bank Credit Suisse (CS) involviert: Als sogenannter Nominee Shareholder verwaltete sie gemäss den Recherchen von Voices bis 2019 für damals unbekannte Kund: innen 20.6 Prozent der Aktien von Nussir ASA. Somit war die Grossbank hinter der norwegischen Firma Monial AS für den zweitgrössten Aktienanteil an der Firma zuständig. Die betroffenen Sámi-Gemeinschaften, das norwegische Sámi-Parlament und Voices forderten die Credit Suisse auf, auf ihre Rolle als Nominee Shareholder zu verzichten, bis eine einvernehmliche Lösung mit den betroffenen Sámi gefunden ist. Voices startete 2019 eine Kampagne zur Involvierung der CS mit dem Slogan «Stop banking against the Sámi!», um über die Öffentlichkeit Druck auf die Schweizer Bank und ihre Verantwortung in Bezug auf Indigenenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen.

Im Dezember 2020 ging die Credit Suisse schliesslich auf die Forderungen Forderungen der Sámi-Gemeinschaften und von Voices ein: Die Bank gab die Aktienverwaltung der Anteile an Nussir ASA ab und ist seither nicht mehr als Nominee Shareholder am Projekt beteiligt. Dies war ein Teil-Erfolg, denn mit ihrem Rückzug wurde endlich die zuvor vertraulich gehaltene Identität des eigentlichen Investors offengelegt, der nun selbst die Verantwortung übernehmen musste. Nachdem Nussir eine Absichtserklärung mit der Aurubis AG ab, Europas grösster Kupferproduzentin, abgeschlossen hatte, wurde das Projekt weiter vorangetrieben. Die Sámi-Gemeinschaften bekämpften das Projekt mit allen politischen und juristischen Mitteln und kamen mit Aurubis ins Gespräch. Im Sommer 2021 schlossen sich junge Aktivist: innen am Ufer des Repparfjords lokalen Fischer: innen und Indigenen Sámi an, um den Bau der Mine zu blockieren. Ihre Anwesenheit erregte weitere Aufmerksamkeit des Kupferriesen Aurubis, der bekannt gab, dass er seine Abnahmevereinbarung mit Nussir aufgrund von Bedenken hinsichtlich der Nachhaltigkeit kündigte.

Während die Credit Suisse also 2020 ausstieg, ist die Schweiz heute über den Rohstoffhändler Hartree mit einem Standort in Genf erneut mit dem Projekt verbunden: Hartree investierte 2024/25 rund C$12,5 Millionen in Blue Moon Metals, hält knapp 8  Prozent der Aktien und verfügt über Mitspracherechte sowie einen langfristigen Abnahmevertrag für Kupferkonzentrat. Damit ist Hartree heute ein strategischer Partner, der die Umsetzung des Projekts absichert.

Der politische Kampf geht weiter

Mit der Übernahme von Nussir ASA durch Blue Moon Metals im November 2024 erhielt das Projekt neuen Schub: Kapital, Absatzmärkte und direkte Kontrolle durch den kanadischen Konzern. Im Juni 2025 erfolgte die erste Sprengung mitten in der Kalbungszeit der Rentiere. Nach heftiger Kritik und Protesten wurde sie vorerst gestoppt. Seither blockieren Sámi und Unterstützer: innen immer wieder die Baustelle, ketten sich an Maschinen und wurden mehrfach von der Polizei entfernt. Umweltorganisationen werfen Blue Moon Metals vor, bereits ohne vollständige Genehmigungen gehandelt zu haben.

Zusammen mit den Sámi-Gemeinschaften konnte Voices die Schweizer Grossbank Credit Suisse dazu bewegen, Verantwortung zu übernehmen und aus dem Geschäft auszusteigen. Doch das Projekt ist seit nunmehr bald einem Jahrzehnt eine akute Drohkulisse für die lokale Bevölkerung.

Somit halten Voices und die betroffenen Sámi-Gemeinschaften an ihren Forderungen fest:

  • Die Landrechte der Sami müssen in allen Projekten anerkannt werden. Dies bedeutet bei einer Einigung über Landnutzungsrechte eine angemessene Entschädigung, beispielsweise durch Gewinnbeteiligung.
  • Das Projekt muss gestoppt werden, bis eine einvernehmliche Lösung mit den betroffenen Sami gefunden worden ist
  • Alle Akteur: innen müssen bei sämtlichen künftigen Investitionsprojekten den «Free, Prior and Informed Consent» (FPIC) einhalten. Damit stellen sie sicher, dass die Rechte der Indigenen berücksichtigt werden und ihre Mitbestimmung garantiert ist. Dies gilt auch für Projekte für erneuerbare Energien.

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