Bedrohtes Land der Sámi
Die Territorien der Sámi sind gegenwärtig zahlreichen Bedrohungen ausgesetzt. Minenprojekte, Abholzung, Windparks und Klimawandel gefährden die Lebensgrundlagen der Sámi-Gemeinschaften. Die Wirtschaftsprojekte werden immer häufiger auf wertvollen Rentierweideflächen geplant, ohne dabei die Sámi Gemeinschaften zu konsultieren und ihr Recht auf freie, informierte und vorherige Zustimmung (FPIC) einzuhalten.
Eine Delegation von Voices reiste im Juni 205 nach Kautokeino in Nordnorwegen an die Sámi Lávdan Arena, eine internationale Konferenz für den Austausch zwischen den Sámi über Landesgrenzen hinweg.Die Eindrücke von der Sámi Arena zeigen: In Sápmi flammen überall Brandherde auf. Und das hat auch politische Gründe: Der 2024 in der Europäischen Union neu eingeführte Critical Raw Materials Act (CRMA) ist eine EU-Regulierung, welche den Zugang zu für die Energiewende wichtigen Transitionsmineralien sicherstellen soll. Der Abbau von Mineralien auf EU-Gebiet soll aktiv gefördert und erleichtert werden. Diese Mineralien befinden sich oft auf Gebieten Indigener Gemeinschaften, so auch auf den Territorien der Sámi. Die fortschreitende Digitalisierung und der Ausbau der Rüstungsindustrie in der aktuellen geopolitischen Situation sind in der Regulierung als weitere Faktoren beschrieben.
Vier strategische Projekte im Zuge der Energiewende
Im Rahmen des Critical Raw Materials Act wurden vier Bergbauprojekte auf Sámi-Gebieten als „strategische Projekte“ eingestuft, die nun von erleichterten und beschleunigten Verfahren profitieren. «Durch die beschleunigte Genehmigung dieser Bergbauprojekte im Rahmen eines auf 27 Monate verkürzten Genehmigungsverfahrens räumt die EU der Rohstoffgewinnung Vorrang vor unserem Recht auf freie, vorherige und informierte Zustimmung ein», sagt der Sámi Rat über die Auswahl der strategischen Projekte in Sápmi.
Zu den «stragetischen Projekten» in Sápmi zählt etwa die Vittangi-Nunasvaara-Mine in Nordschweden, wo Graphit abgebaut werden soll – und zwar auf zentralen Rentierweideflächen der Sámi-Rentierzuchtgemeinschaften, zwischen zwei ökologisch bedeutenden Wasserläufen. Nils Johanás Allas, Rentierzüchter von der Gemeinde Talma und Betroffener vom Projekt der Vittangi-Nunasvaara-Mine sagt: «Ich muss mich ständig wehren. Muss ständig wütend sein. Dabei will ich das gar nicht. Ich bin kein wütender Mensch. Aber es scheint die einzige Sprache zu sein, welche die Unternehmen und Behörden verstehen. Das ist anstrengend.»
Ein weiteres strategisches Projekt ist die Kupfermine Nussir in Nordnorwegen: Es erhielt durch die neue Einstufung als „strategisches Projekt“ unter der EU-Regulierung neuen Schub, nachdem es zuvor jahrelang stagniert hatte. Seit Juni 2025 formiert sich entschlossener Widerstand gegen das Projekt: Samische Rentierzüchter:innen und Aktivist:innen blockieren die Baustelle, ketten sich an Maschinen und wurden mehrfach von der Polizei entfernt. Die Aktivist:innen kritisieren die massive Umweltzerstörung und die Missachtung Indigener Rechte. Die geplante Mine liegt in einem Gebiet, das für die Rentierzucht von entscheidender Bedeutung ist: Hier bringen die Tiere traditionell ihre Kälber zur Welt. Darüber hinaus plant das Bergbauunternehmen, den Minenabraum im angrenzenden Fjord zu entsorgen – ein Vorhaben, das die Lachsbestände und das gesamte Ökosystem massiv gefährden könnte. Für viele ist das Projekt ein Symbol für „grünen Kolonialismus“: eine vermeintlich nachhaltige Energiewende auf Kosten von Natur, Kultur und Gerechtigkeit.
Klimawandel erschwert Rentierzucht
Neben der Bedrohung durch verschiedene Industrien, wird auch die Klimakrise in Sápmi immer spürbarer und erschwert die Bedingungen für die Rentierzucht: Durch die wärmeren Temperaturen regnet es häufiger im Winter, was zu Eiskrusten auf den Winterweiden führen kann. Dies erschwert das Überleben der Rentiere im Winter, weil sie nichts mehr zum Fressen finden. Durch veränderte Wetterbedingungen werden auch Herden auseinandergetrieben, was sie anfälliger macht für Fressfeinde.
Über die Sámi
Die Sámi sind eine Indigene Gemeinschaften in Norwegen, Schweden Finnland und Russland. Zwischen 90000 und 140000 Menschen werden der Gruppe der Sámi zugerechnet, wobei in Norwegen die grösste Gemeinschaft lebt. Die Sámi sind in allen Ländern als Indigen anerkannt aber lediglich Norwegen hat die ILO 169 Konvention ratifiziert. Es ist bislang die einzige Konvention, die Indigenen Gemeinschaften rechtsverbindlich spezifische Rechte, wie das Recht auf Selbstbestimmung, garantiert.
Rentierhaltung, Fischfang, Jagd und Kunsthandwerk sind wichtiger Teil der sámischen Kultur und Identität. Mit der Expansion der Nationalstaaten ab dem 17. Jahrhundert begann die Unterdrückung: Assimilationspolitik, Sprachverbote, Enteignung von Land und die Einschränkung traditioneller Lebensweisen prägten das Leben der Sámi. Ihre Sprache wurde verboten, sie wurden christianisiert und zur Sesshaftigkeit gezwungen. Steuerabgaben nötigten sie, von der Domestizierung von Rentieren zu leben.
In Norwegen und Schweden wurden Kinder in Internaten von ihrer Muttersprache entfremdet, in Russland wurden die Rentierherden der Sámi zwangskollektiviert. Erst ab dem späten 20. Jahrhundert setzte ein gesellschaftliches Umdenken im Umgang mit den Sámi ein. Die Sámi organisierten sich politisch, forderten ihre Rechte ein und gründeten Parlamente. Heute kämpfen sie für den Schutz ihrer Kultur, Sprache und Lebensweise – insbesondere gegen Eingriffe in ihre Gebiete durch Bergbau, Windkraft und andere Industrien. Trotz Fortschritten bestehen Diskriminierung und strukturelle Benachteiligung weiterhin.
Der Alta Konflikt (1968 bis 1982) führte zur Gründung des Sámi-Parlaments: Sámi und Umweltaktivist:innen protestierten gemeinsam gegen den Bau eines Wasserkraftwerkes in Alta in der Finnmark in Nordnorwegen. Der geplante Ausbau des Flusslaufes für die Nutzung der Wasserkraft bedrohte Rentierweiden, und eine Ortschaft der Sámi hätte überflutet werden sollen. Die Umweltaktivist:innen argumentierten zusätzlich, dass im Flusslauf eine für ganz Europa wichtige Brutstätte einer Lachspopulation liege und dass der Fluss eine wesentliche Rolle im lokalen Klima einnehme.
Die Proteste waren die Geburtstunde des Samischen Parlamentes, welches gegründet wurde um eine Politische Partizipation der Sámi zu ermöglichen. Die norwegische Mehrheitsgesellschaft erfuhr durch die öffentlichkeitswirksamen Proteste von der Unterdrückung und strukturellen Benachteiligung der Sámi. In Folge wurden politische Schritte eingeleitet, um die Rechte der Sámi zu stärken.
Das tut Voices – Finanzhandbuch
Der politische und rechtliche Kampf mit den Minenbetreibern und Energiekonzernen kann Jahre dauern und ist aufreibend und einnehmend wie ein Blick in die Vergangenheit zeigt. Ein Beispiel dafür ist der Bau von Windkrafträdern auf der Fosen-Halbinsel. Die bebauten Gebiete waren wesentliche Winterweidegründe für die Rentierherden der Sámi. Nach langen Gerichtsverfahren und anhaltenden Protesten konnten endlich Einigungen erzielt werden. Die Rentierhirt:innen haben nun ein Anrecht auf alternative Rentierweiden und jährliche Entschädigungszahlungen. (Fosen verlinken)
Die Sámi sind gut politisch vernetzt und organisiert, sind im Vergleich zu den multinationalen Unternehmen trotzdem in der schwächeren Position. Wirtschaftsprojekte müssen finanziert werden. Der Sámi-Rat untersucht daher, wie Finanzakteure angegangen werden können, um sich gegen Landrechtsverletzungen zu wehren. Deshalb organisierte Voices einen Workshop an der Lávdan Sámi Arena.
„Wissen über Finanzen ist für uns sehr wichtig: Es gibt uns Hoffnung, weil es ein neuer Weg ist, wenn wir bei Behörden oder Gerichten nicht weiterkommen. Viele Menschen sind sehr desillusioniert. Hoffnung ist in dieser schwierigen Zeit enorm wichtig», sagte Elle Merete Omma, Leiterin der EU-Abteilung des Sámi-Rats. Mitarbeiterin des Sámi-Rats.
Der Workshop stiess auf grosses Interesse: Er schuf Raum für den Austausch zwischen direkt von Minenprojekten Betroffenen, jungen Aktivist:innen und politisch engagierten Sámi-Vertreter:innen. Mithilfe von Inputs und Gruppenarbeiten wurde Wissen über den Umgang mit Finanzakteuren vermittelt und gezeigt, wie diese Zielgruppe am effektivsten angesprochen werden kann.
Auf Basis des Workshops erarbeitet Voices gemeinsam mit den Sámi ein Handbuch für den Umgang mit Finanzakteur:innen. Das Handbuch wird mitfinanziert durch die von Voices im Rahmen eines Crowdfundings gesammelten Spenden.