Im brasilianischen Bundesstaat Pará fürchten sich Bewohnende der Gemeinden Saracá, Macedônia und Boa Nova vor einem Dammbruch bei der Minengesellschaft Mineração Rio do Norte (MRN). Eine von Voices in Auftrag gegebene Recherche durch den Journalisten Niklas Franzen zeigt die grosse Angst, den Mangel an Information und das fehlende Sicherheitsgefühl der Gemeinschaften, welche stromabwärts der Dämme wohnen. Insbesondere fürchten sie den Verlust ihrer Lebensweise als Flussanwohnende. Der Schweizer Konzern Glencore ist Aktionär der Bauxit-Mine. Voices fordert den Konzern auf, seinen Einfluss zu nutzen und auf die Sorgen der Betroffenen vor Ort zu reagieren.
Dieser Text basiert auf einer von Voices in Auftrag gegebenen Recherche des Journalisten Niklas Franzen.
Laudenilse Ferreira de Oliveira steht vor ihrem Haus und füttert ihre Schweine und Hühner. Ihr Haus und der Schuppen stehen auf einer Lichtung im Regenwald. Der Weg zu ihrem Haus führt über den Amazonas und den Sapucuá-See und entlang des Saracá Flusses. Mit dem Motorboot geht die Fahrt durch dichten Wald über enge Kurven im Flusslauf. Laudenilse Ferreira de Oliveira lebt und arbeitet als Lehrerin in der abgelegenen Gemeinde Saracá im Norden von Brasilien. Die Idylle von Laudenilses Hof, der sich im Abendlicht friedvoll in den Wald einfügt, wird getrübt durch die Angst vor einem Dammbruch bei der gut 25 Kilometer entfernten Bauxit-Mine. Laudenilse zeigt sich besorgt: «Diese Dämme sind riesig. Es gibt Becken und Tanks, und einer davon ist so gross wie ein Stadtteil von Oriximiná, fast so gross wie unser gesamtes Gebiet. Er ist riesig, wie ein See. Was passiert mit uns, wenn einer davon plötzlich bricht?»
Jährlich baut MRN in der Region laut eigener Aussage mehr als 12 Millionen Tonnen Bauxit ab – das entspricht rund 40 Prozent der brasilianischen Produktion. Mittlerweile ist Brasilien der viertgrösste Bauxit-Produzent weltweit. Der dabei entstandene Abfall wird in riesigen Rückhaltebecken gelagert und von Dämmen gesichert. Laudenilse schläft nachts schlecht, die ständige Sorge um ihre Lebensgrundlage geht ihr sichtlich nahe. Denn obwohl die Flussgemeinschaften MRN laut eigenen Angaben immer wieder mit ihren Sorgen konfrontiert haben, geben sie an, nie eine befriedigende Antwort erhalten zu haben. Sie fühlen sich durch die Bauxit-Firma nicht genügend informiert, nicht ernst genommen und die Gemeinschaft ist verwirrt durch unterschiedliche Angaben zu den Bauweisen der Dämme.
Laut Recherchen der investigativen Plattform Observatório da Mineração wurden die Risikoklassifizierungen der MRN-Dämme bei Saracá und Oriximaná seit 2017 mehr als 50 Mal geändert – häufig ohne nachvollziehbare Begründung. Dämme, die früher als gefährlich gebaut galten, entsprechen nun den geltenden Standards. Auf Anfrage von Voices schreibt MRN, ihre Anlagen entsprächen den rechtlichen Bestimmungen, würden «häufig durch staatliche Zulassungsbehörden» inspiziert und 24 Stunden überwacht. Zu den konkreten Auswirkungen der Risikoeinstufungen für die Gemeinschaften äussert sich MRN nicht.
In der jüngeren Geschichte Brasiliens sorgten die zwei grossen Dammbrüche Brumadinho (Vale) und Mariana (Samarco) für hunderte Tote und grossflächig verwüstete Gebiete.
Was, wenn der Damm bricht? Mitglieder der Flussgemeinschaften im brasilianischen Amazonas sprechen über ihre Angst vor einem Dammbruch bei der Bauxit-Mine der Firma MRN. Voices fordert Glencore auf, als Aktionär seinen Einfluss bei MRN zu nutzen für Transparenz und Sicherheit.
Die Menschen in Saracá, Macedônia und Boa Nova leben mit der Angst, dass sich diese Geschichte auf ihren Gebieten wiederholt. Sie sind in ihrer Subsistenz und in ihren kulturellen Tätigkeiten auf die Ökosysteme rund um die Flüsse angewiesen. Sie fürchten, dass die einbrechenden Wasser- und Schuttmassen bei einem Dammbruch eine Katastrophe für ihre Lebensgrundlage wären: die Gärten, die Tiere, die Plantagen, der Regenwald und der Leben spendende Fluss. Laudenilse: «An einem Tag, an dem es stürmt, kann so ein Damm brechen. Das kann in der Nacht geschehen, während wir schlafen.»
Glencore hält seit Ende 2023 45 Prozent der Anteile an MRN und ist im Verwaltungsrat vertreten. Auf Anfrage von Voices schreibt Glencore: «Bei Joint Ventures, die wir nicht kontrollieren oder betreiben, versuchen wir, unseren Einfluss geltend zu machen, um sie darin zu bestärken, in Übereinstimmung mit unseren Richtlinien zu handeln, beispielsweise durch unsere Vertretung im Verwaltungsrat.» Gemeinsam mit den Flussgemeinschaften fordert Voices Glencore deshalb auf, diesen Einfluss zugunsten der betroffenen Gemeinschaften zu nutzen und auf ihre Sorgen zu reagieren.
Unzählige Dämme, unklare Gefahrenlage
Die Gemeinde von Laudenilse Ferreira de Oliveira liegt tief im Amazonas-Regenwald im Bundesstaat Pará. Folgt man dem Amazonas flussaufwärts, erreicht man kurz vor der Grenze des Bundesstaats den Sapucuá-See. Am westlichen Ufer des Sees befinden sich auf ein weites Gebiet verstreut die Gemeinden Saracá, Macedônia und Boa Nova.
Es ist kein Zufall, dass sich die Bewohnenden dort niedergelassen haben: Die beiden Ströme Saracá und Araticum, die in den Sapucuá-See fliessen, gewähren den Gemeinschaften Zugang zu ihren traditionellen Arbeitsstätten im Regenwald. Dort, in der Nähe des Minengebiets, gehen sie fischen, Heilpflanzen sammeln und Lebensmittel anbauen (siehe Karte). José Domingos Rabelo, ein Bewohner von Boa Nova, beschreibt die Bedeutung der Flüsse so: «Die Ströme funktionieren wie grosse Autobahnen. Menschen kommen und gehen den ganzen Tag. (…) Wenn nur einer dieser Wege unpassierbar und für uns nicht mehr nutzbar wird, dann gibt es keine Möglichkeit mehr, hier zu überleben.»
Folgt man den Flüssen vom See in Richtung ihres Ursprungs im Regenwald, kommt man nach gut 25 Kilometern in das Gebiet der Bauxit-Mine MRN mit ihren 27 Rückhaltebecken für Bergbauabfälle. Die Zone für die Bauxit-Förderung besteht einerseits aus den Tagbau-Gruben, andererseits aus einem riesigen Gebiet, wo das Abfallmaterial aus der Erzgewinnung, eine Mischung aus Lehm und Wasser, deponiert wird (genannt ‘Tailings’). Pro Tonne Aluminium sind mindestens vier Tonnen Bauxit notwendig. Für jede Tonne Bauxit fallen etwa 25 bis 30 Prozent der Masse als Rückstände an, wobei das Abfallvolumen durch Wasserzufuhr noch deutlich grösser wird. Im konkreten Fall von MRN umfasst das gesamte System zur Entsorgung von Bergbauabfällen 1700 Hektar – das entspricht fast 2400 Fussballfeldern.
Bergbauunternehmen lagern ihre Tailings in der Regel dauerhaft hinter Dämmen, die aus Bergbauabfällen errichtet werden. Die Tailings bestehen aus einer Mischung aus Wasser und Feststoffen, wobei sich letztere mit der Zeit absetzen. Sobald der Absetzteich hinter dem Damm voll ist, muss der Damm erhöht werden. Diese Erhöhung kann auf verschiedene Weise geschehen. Bei einer Bauweise, genannt «stromaufwärts», wird der neue Damm auf den zuvor abgelagerten Tailings errichtet. Diese Bauweise ist zwar kostengünstig, aber extrem riskant: Die Tailings bilden ein instabiles Fundament, das mit Wasser gesättigt ist.
Dr. Steven H. Emerman, ein Experte für Dämme von Tailings, beschreibt die Risiken der stromaufwärts-Bauweise: «Stromaufwärts errichtete Absetzbecken sind besonders anfällig für Versagen, da der Damm auf unverdichteten Tailings errichtet wird. Selbst wenn der Damm vorübergehend seine Stabilität behält, kann er, wenn sich die darunter liegenden Tailings verflüssigen, entweder in diese einstürzen oder darüber abrutschen.»
Illustration: Rückhaltebecken für Tailings
Die Firma MRN erklärt, ihre Dämme würden in einem einzigen Bauabschnitt errichtet und nicht durch nachträgliche Aufschüttungen erhöht. Recherchen des Observatório da Mineração zeigen aber, dass einige Dämme vor 2019 noch als «stromaufwärts oder unbekannt» ausgewiesen wurden. Für Dr. Steven H. Emerman wirft das viele Fragen auf: «Wenn es sich von Anfang an um einen einstufigen Damm handelte, warum war die Bauweise dann vor 2019 unbekannt? Und wenn der Damm stromaufwärts gebaut wurde, wie wurde er dann plötzlich zu einem einstufigen Damm?» Auf Anfrage von Voices schreibt MRN: «Das Unternehmen hält sich an die gesetzlichen Vorschriften hinsichtlich glaubwürdiger Dammbruchstudien, und alle Änderungen der Strukturklassifizierungen wurden in Übereinstimmung mit der brasilianischen Gesetzgebung vorgenommen.» Konkret zur Bauweise der Dämme äusserte sich MRN nicht.
Dokumente zeigen, dass durchaus ein Risiko existiert: Laut dem Brasilianischen System zur Überwachung von Bergbaudämmen (SIGBM) weisen fünf Dämme ein mittleres Risiko auf, darunter auch die beiden Dämme TP01 und TP 02 (Stand: 18. Juni 2025). Für diese beiden Dämme wird das potenzielle Schadensausmass im Falle eines Dammversagens, bezogen auf soziale, wirtschaftliche und ökologische Folgen, auch als hoch eingeschätzt (Stand: 18. Juni 2025). Die Nationale Bergbaubehörde ANM betonte auf Anfrage von Niklas Franzen, dass die Klassifizierungen auf Inspektionen vor Ort und Informationen der Betreiber basieren. MRN schreibt, ihre Anlagen entsprächen den rechtlichen Bestimmungen, würden «häufig durch staatliche Zulassungsbehörden» inspiziert und 24 Stunden überwacht. Zu den konkreten Auswirkungen der Risikoeinstufungen für die Gemeinschaften äussert sich MRN nicht.
Dr. Steven H. Emerman zweifelt an der effektiven Umsetzung der Sicherheitsvorschriften für Dämme in Brasilien: «Es besteht Einigkeit darüber, dass Brasilien die strengsten Vorschriften für Dämme von Tailingsbecken weltweit hat. Allerdings mangelt es an der Durchsetzung dieser Vorschriften. Dies ist wahrscheinlich auf Personalmangel, Unterfinanzierung und geringe technische Kapazitäten seitens der Aufsichtsbehörden sowie auf politischen Druck zurückzuführen.»
Rückhaltebecken und Staudämme der Firma MRN / Brasilien, 2016. Foto: Carlos Penteado/CPI
Detaillierte Informationen zu der Bauweise und zu der Sicherheit der Dämme auf dem Saracá-Plateau sind für die Gemeinschaften nicht öffentlich zugänglich. Edinilson Gemaque dos Santos, Bewohner der Gemeinde Saracá sagt: «Unsere Hauptsorge ist unsere Sicherheit hier, sind die Dämme. Wir haben nur sehr wenige Informationen und ich konnte die kritischen Gebiete bisher nicht besuchen.»
In einer Informationsbroschüre vom Juli 2024 schreibt MRN, die Verbreitung von Wissen über Bergbau-Staudämme sei auch bei Gemeinden ausserhalb der Risikozone wichtig. Von diesem Vorsatz merken die Gemeinschaften gemäss ihren Aussagen aber wenig. Sie berichten, dass sie ungenügend über Gefahren informiert sind. Sie fühlen sich unsicher und von MRN nicht ernst genommen. Darum fordern sie mehr Transparenz.
Lösungsansätze zu den aktuellen Problemen sieht die Gemeinschaft durchaus. «Die einzige Lösung wäre eine Studie von unabhängigen Wissenschaftler:innen – ohne Verbindungen zur Minengesellschaft», sagt José Domingos Rabelo. «Aber das haben wir nicht. Warum nicht? Weil unsere Gemeinschaft im Dunkeln gelassen wurde und keine Ahnung hat.»
Gemeinschaften leben in Angst
Seit 1989 wurden auf dem Saracá-Plateau immer wieder neue Tailingsbecken angelegt – die Flussgemeinschaften seien dazu aber nie konsultiert worden, sagen Mitglieder der Gemeinschaften. Die Bewohnenden fürchten um ihre Lebensweise und fühlen sich mit ihren Sorgen alleine gelassen. Raimundo Pontes Ramos, ein Bewohner von Saracá, sagt: «Ich glaube nicht, dass sie die Sache ernst nehmen. Sonst hätten sie etwas unternommen. Sie wären bei uns, würden uns warnen und etwas für uns in die Wege leiten. Aber ehrlich gesagt, glaube ich nicht, dass sie so sehr daran interessiert sind. Unsere Gesundheit und unser Leben kümmert sie nicht.»
Raimundo da Silva, mit 82 Jahren der Gemeindeälteste von Saracá, beschreibt seine Angst vor einem Dammbruch wie in Brumadinho: «Manchmal fahre ich mit meinem Enkel in Richtung Damm, um Palmen für die Herstellung von Tessum [gewebte Waren] zu schneiden, und ich trage diese Angst mit mir, dass etwas passieren könnte und wir mittendrin stecken.»
Die Bewohnenden wünschten sich zumindest Sirenen, Notfallübungen und Rettungspläne, damit sie sich im Fall eines Dammbruchs richtig zu verhalten wissen. Diese seien von MRN angekündigt, aber nie realisiert worden. Ilson dos Santos Gemaque, Koordinator der Gemeinde Saracá, erinnert sich: «Nach dem Dammbruch in Brumadinho kamen sie her, um uns zu zeigen, wie wir uns schützen können. Aber sie haben nur geredet. Das Training hat nie stattgefunden, obschon sie sagten, es würde eines geben. Sie sagten auch, dass es eine Sirene geben würde und ich habe gehört, dass es eine gibt. Aber hier in der Gegend haben wir sie nie gesehen.» Auf Anfrage von Voices sagt MRN, es gebe Sirenen. Wo sich diese befinden und welches Gebiet sie erreichen, wird von MRN jedoch nicht erläutert. Zudem hat es laut MRN eine Notfallübung im Jahr 2024 gegeben. Ob die Flussgemeinschaften daran teilgenommen hatten, spezifiziert das Unternehmen nicht.
Die Angst in den Gemeinden bezieht sich aber nicht nur auf die unmittelbaren Auswirkungen eines Dammbruchs, sondern auf den Verlust ihrer Lebensgrundlagen und um die Zukunft ihrer kommenden Generationen. Jones Gonçalves da Luz befürchtet, dass die Rückstände von Bauxit in den freigesetzten Abfällen die Umwelt zerstören könnte: «Wenn [der Damm] bricht, hätte dies katastrophale Auswirkungen. Fische würden sterben, unser See wäre ruiniert. Unter Umständen würden auch Bäume rund um den See sterben.» Laut MRN bestehen die Abfälle ausschliesslich aus Wasser und Ton und sind gemäss brasilianischer Normen als ungefährlich klassifiziert.
Traditionelle Flussgemeinschaften zu wenig geschützt
Wie bei den ursprünglichen Bewohnenden des Amazonas, den Indigenen Gemeinschaften, ist die Lebensweise der Flussgemeinschaften eng mit dem Regenwald verbunden. Im späten 19. Jahrhundert wanderten Arbeiter:innen aus Nordostbrasilien an den Trombetas-Fluss aus, um in der Kautschukgewinnung zu arbeiten. Durch – oft erzwungene – Ehen mit Indigenen Frauen entstand eine neue, bäuerlich geprägte Bevölkerung. Nach dem Preisverfall von Kautschuk ab 1913 wurden viele Plantagen aufgegeben, es bildeten sich Gemeinschaften, aus denen später die heutigen Flussgemeinschaften hervor gingen, deren Leben eng mit dem Wasser und dem Regenwald verbunden ist.
Auch wenn sie von europäischen und afrikanischen Siedler:innen abstammen, leben sie seit Generationen am Wasser, von Fischfang, kleinbäuerlicher Landwirtschaft und dem Wald. Sie sind entscheidend für den Schutz des Amazonas. Obwohl internationale Standards wie das Übereinkommen 169 der Internationalen Arbeitsorganisation und die UN Deklaration der Rechte indigener Völker den staatlichen Schutz traditioneller Lebensweisen von Minderheiten festhalten, sind die Rechte der Flussgemeinschaften am Sapucuá-See vom Brasilianischen Staat nicht anerkannt.
In ihren Richtlinien zum Umgang mit Indigenen und traditionelle Gemeinschaften verpflichtet sich MRN auch gegenüber traditionellen Gemeinschaften zum aktiven Einbezug. In den Richtlinien steht: «MRN stellt sicher, dass die Kultur, die Gewohnheiten und die Bräuche der Gemeinschaften, mit denen das Unternehmen in Kontakt steht, respektiert werden, im Einklang mit einem Ansatz, der die Menschenrechte und die Einhaltung der nationalen Gesetzgebung fördert. Bei der Kommunikation mit den Gemeinschaften wird auch darauf geachtet, dass die Informationen zugänglich und kulturell angemessen sind und den Gemeinschaften die Möglichkeit geben, ihre Wünsche und Bedenken zu äussern, die im Entscheidungsprozess des Unternehmens berücksichtigt werden.»
Sorge um die Umwelt
Die Bewohnenden der Dörfer kritisieren aber nicht nur Fragen der Sicherheit, sondern auch des Umweltschutzes. So sei seit dem Bau der Minen das Wasser verschmutzt, es gebe weniger Fische und mehr Krankheiten. Dazu sagt der Dorfälteste Raimundo da Silva: «Dieses Wasser hier vom Saracá-Fluss war früher kristallklar, es war unglaublich schön. Wenn man damals dort spazieren ging, war es grün, blau. Aber dann änderte es seine Farbe und wurde rötlich. (…) Und nun trinken wir das Wasser nicht mehr – denn es bringt Durchfall und Krankheiten.»
Eine Studie unter Leitung von Prof. Dr. Ricardo Scoles Cano, Professor an der Universidade Federal do Oeste do Pará (UFOPA) und Hugo Gravina Affonso, Forscher an der Universidade Federal do Pará (UFPA) analysierte im Februar 2025 die Wasserqualität an zwei Messstellen unweit von Saracá, Macedônia und Boa Nova. Den vorliegenden Ergebnissen zufolge, weise das Wasser zwar signifikante Konzentrationen gelösten Aluminiums auf, aber für verlässliche Rückschlüsse zur allgemeinen Wasserqualität müssten längere Studien durchgeführt werden. Ein kausaler Zusammenhang zwischen der Minenaktivitäten von MRN und den von den Gemeinschaften beobachteten Veränderungen kann also mit der heutigen Datenlage nicht gemacht werden. MRN verweist auf Anfrage von Voices auf eine sechsjährige Untersuchung, die zum Schluss gekommen sei, dass die Geschäftstätigkeit von MRN nicht der Ursprung der Verschmutzung sei. Zudem unterhalte MRN ein solides Wasserkontroll- und Monitoringsystem.
Glencore ist Aktionär
Seit Ende 2023 besitzt der Schweizer Konzern Glencore 45 Prozent Anteil an MRN und ist im Verwaltungsrat des Unternehmens vertreten. Den Anwohnenden des Flusses ist der internationale Zusammenhang sehr bewusst. José Domingos Rabelo kritisiert die einseitige Verteilung von Kosten und Nutzen: «Sie sagen oft, dass wir ohne Bauxit kein Aluminium hätten. Aber ich glaube Folgendes: Ohne Aluminium können wir leben. (…) Aber ohne Wasser, ohne Wälder haben wir kein Leben. Das können wir uns nicht leisten zu verlieren. Diese Entwicklung dient nicht uns – sie bereichert andere Länder und grosse Unternehmen. Und was bleibt uns? Der Schlamm. Die Zerstörung.»
In ihren Richtlinien zum Management von Minenabfällen schreibt Glencore, dass sie proaktiv mit Gemeinden zusammenarbeiten, um relevante Informationen zu Risiken und Kontrollen auszutauschen. Die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte setzen gemäss Glencores Menschenrechtsrichtlinien die Basis für all ihre Business-Tätigkeiten. Auf Anfrage von Voices schreibt Glencore: «Bei Joint Ventures, die wir nicht kontrollieren oder betreiben, versuchen wir, unseren Einfluss geltend zu machen, um sie darin zu bestärken, in Übereinstimmung mit unseren Richtlinien zu handeln, beispielsweise durch unsere Vertretung im Verwaltungsrat.» Vor diesem Hintergrund fordert Voices gemeinsam mit den Flussgemeinschaften Glencore auf, seine eigenen Leitlinien einzuhalten und auf Grundlage der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte und der OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen Massnahmen zu ergreifen, damit MRN
- Transparenz zur Bauweise der Dämme herstellt
- die Sicherheit der Dämme unabhängig überprüfen lässt
- gemeinsam mit den betroffenen Flussgemeinschaften Notfall- und Evakuierungspläne erarbeitet und veröffentlicht.
Dieser Artikel basiert auf einer von Voices in Auftrag gegebenen Recherche des Journalisten Niklas Franzen.
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José Domingos Rabelo: «Glencore sollte die Gemeinschaften ernster nehmen und die Schweizer Bevölkerung sollte wissen, dass hier, im Gegensatz zu dem, was die Firmen behaupten, überhaupt nicht alles in Ordnung ist. Der Respekt für die natürlichen Ressourcen, die uns unsere Grosseltern und Urgrosseltern vermachten, fehlt. Und die Firmen zerstören alles und lassen uns nichts.»